von Marcus Dick 10. November 2024
Trumps Wiederwahl als kultureller Tod der US of A.
von Marcus Dick 27. Oktober 2024
Seit der Zeitenwende 1989/1990 ist in den Kultur-Rubriken der Qual.-Medien das Ende des öffentlichen Intellektuellen ein beliebtes Thema. Denn: Wo es zum Neoliberalismus scheinbar keine Alternativen mehr gibt, wenn dessen Ideologie in jeder Hinsicht hegemonial geworden ist, besteht kein Grund, fundamentalkritischen Stimmen weiterhin Gehör zu schenken. Differenzierter zu sein als der Durchschnitt: Das war, sagen wir seit der Dreyfus-Affäre , die öffentliche Aufgabe des Intellektuellen. Ein Hauptkennzeichen des neoliberalen Dauer-Biedermeier ist die Einschmelzung aller Unterschiede zu einem ironischen Anything goes! oder einem zynischen Who really cares? Das allbekannte pseudo-selbstkritische Ritual vormaliger Intellektueller, ihren Frieden mit dem status quo zu schließen, folgt den Regeln neoliberaler Praxis und Moral. Wer mit den Wölfen essen will, der muss mit den Wölfen heulen. Gute Chancen, weiterhin in den Qual.-Medien stattzufinden, hat der öffentliche Intellektuelle unter neoliberalen Bedingungen nur, wenn er seine eigene Obsoleszenz bejaht und also seine Daseinsberechtigung darin sieht, nichts zu sehen, was gegen den status quo sprechen könnte. Ob Hans Ulrich Gumbrecht – u. a. ja auch Autor eines Buches über Sechzehn Intellektuelle des langen 20. Jahrhunderts – sich eines Tages dazu entschlossen hat, mit den Wölfen zu heulen und zu essen, weiß ich nicht. Fest steht jedoch, dass ein von ihm verfasster, in der NZZ erschienener Artikel über den US-Wahlkampf zum Dümmsten gehört, was bisher zu diesem Thema verbreitet wurde. (Da die Wahl in wenigen Tagen stattfindet, ist kaum anzunehmen, dass bis dahin ein noch einfältigerer Text auftaucht.) Der Artikel übererfüllt alle Merkmale eines Denkens, das zwischen Anything goes! und Who really cares? einfach abdankt. (Strafverstärkend wirkt: Gumbrecht besitzt seit 2000 die US-amerikanische Staatsbürgerschaft.) In aller Kürze: Die ideologischen Differenzen zwischen Harris und Trump, meint Gumbrecht, seien so gering, dass die Entscheidung der WählerInnen nur nicht- bzw. apolitischen Erwägungen folgen könne. Die „Fernsehdiskussionen zwischen den Bewerbern für Präsidentschaft und Vizepräsidentschaft [haben] deutlich gemacht, dass ihre expliziten Zukunftsprogramme höchstens graduell voneinander abweichen.“ ( In Wirklichkeit verhält es sich so : „Many Americans [und Gumbrechts] do not understand that we are on the verge of a type of apocalypse in this country if Trump and his MAGA Republicans and the larger fascist movement win this week’s election. This lack of engagement may be from a lack of information or a failure of imagination. The future of the country is literally at stake. If we go over this cliff there’s no way back. The people who don’t understand the extreme dangers of Trump and MAGA are living in a fool’s paradise. The people who understand how dire this situation is are terrified right now. That is a rational response given the reality of the dangers.“) Gumbrechts false equivalences im Detail ad absurdum zu führen, kann man sich sparen. Klar ist: Präsidenten/Präsidentinnen der US of A werden immer Präsidenten/Präsidentinnen der US of A sein. Außenpolitisch werden die materiellen Notwendigkeiten des US-amerikanischen Neoimperialismus immer Priorität haben, unabhängig davon, ob der Mann/die Frau an der Spitze den Demokraten angehört oder den Republikanern. Innenpolitisch den Wünschen der US-Oligarchie zu entsprechen, wird ihm oder ihr, egal, ob DemokratIn oder RepublikanerIn, stets ein Hauptanliegen sein. Und doch ist es 2024 ausnahmsweise einmal nicht so, dass die Entscheidung zwischen den Kandidaten, wie sonst, der zwischen Coke und Pepsi gleicht, auf subjektive, allenfalls graduell voneinander abweichende Vorlieben hinausläuft. In welcher Blase lebt Gumbrecht eigentlich? Was rhetorisch gefragt ist. Seine Aufgabe als Intellektueller, der im Kulturteil der neoliberal-reaktionären NZZ stattfindet, besteht darin, die politischen Gefahren einer zweiten Trump-Präsidentschaft – eines fascist-leaning Christian ethno-nationalist capitalism – herunterzuspielen, indem er beiden Kandidaten attestiert, denselben unpolitischen, nachideologischen Fluchtpunkt zu haben. Ein extremer Fall von bothsidesism . Was Gumbrechts Artikel zum dümmsten aller US-Wahlkampf-Artikel macht, ist die Behauptung, dass auf die WählerInnen eine Entscheidung warte, die „wenig Einfluss auf ihr individuelles Leben nehmen wird“. Damit spricht Gumbrecht, um nur ein Beispiel zu nennen, den Millionen Frauen, denen unter Trump ein nationales Abtreibungsverbot droht, zweifellos aus der Seele. Trump und Harris, so Gumbrecht, „verkörpern nicht mehr konzeptuelle Anweisungen für die Zukunft, sondern eher Bilder von angenehmer und deshalb zu bejahender individueller Existenz, mit denen sich ihre Anhänger identifizieren“. Dies im Einzelnen zu kommentieren, lohnt nicht. Es entspricht einer Ideologie, die sich post-ideologisch gibt, um von den ökonomischen, politischen, moralischen, intellektuellen Verheerungen, die sie anrichtet, abzulenken. Hier allen Gumbrechts dieser Welt zur Erinnerung, weshalb Trumps und Harris’ „Zukunftsprogramme“ NICHT „höchstens graduell voneinander abweichen“ und Trumps Vierjahresplan, wenn umgesetzt, die USA in eine faschistische Diktatur verwandeln würde. Trump hat u. a. insinuiert/angekündigt/versprochen: – Joseph Biden und überhaupt alle politischen Gegner gerichtlich zu verfolgen – ihm unliebsame Medien zu verbieten – illegale UND legale Immigranten millionenfach erst in Lager zu sperren und dann zu deportieren – die Nationalgarde einzusetzen, um Obdachlose in Lager zu verbringen – im Inneren Militär einzusetzen, um gegen Proteste vorzugehen – ein nationales Abtreibungsverbot zu erwirken – im großen Maßstab die Todesstrafe zurückzubringen – Preiserhöhungen in Kauf zu nehmen, die aus seiner protektionistischen Zollpolitik resultieren würden – das Erziehungsministerium abzuschaffen und öffentliche Bildung, wann immer möglich, zu privatisieren – Gesundheitsprogramme, wann immer möglich, zu privatisieren – alle Umweltauflagen aufzuheben und der Industrie für fossile Brennstoffe freie Hand zu lassen – für Reiche erneut Steuern zu senken – keine Einschränkungen des Zweiten Verfassungszusatzes zuzulassen – Minderheitenrechte abzuschaffen – verurteilte Randalierer des 6. Januar 2021 zu begnadigen – die Befugnisse der Bundesregierung zu beschneiden und Karrierebeamte durch MAGA-Anhänger zu ersetzen – einen white Christian nationalism quasi als Staatsreligion zu etablieren – flächendeckend MAGA-RichterInnen zu ernennen (usw. usf.) Mithin eine klare Sache: Bei der Wahl Harris vs. Trump geht’s nicht wirklich um was, und ganz, ganz bestimmt ist Gumbrecht der gesellschaftlichen, der politischen Realität seiner Wahlheimat superdicht auf der Spur, wenn er meint, dass ein erneuter Sieg der MAGA-Bewegung den Alltag der US-amerikanischen Gesellschaft kaum tangieren wird... Nachbemerkung I: Auf der Website der NZZ findet sich zum selben Thema ein Video-Interview mit dem Politologen Stephan Bierling ( abrufbar auf YouTube ). Ich habe es mir nicht angehört, doch sollte der Tenor des Gesprächs der Kurzbeschreibung entsprechen – „Harris ist auch nicht besser als Trump“, und „als Ursache für [die] Einigkeit zwischen Republikanern und Demokraten sieht Bierling den seit zwanzig Jahren jeweils äusserst knappen Ausgang der Präsidentschaftswahlen. [...] Die Wahlkampfparolen beschränkten sich infolgedessen meist auf Negativbotschaften, mit denen man den Konkurrenten zu diskreditieren versuche.“ –, könnte hier das Reflexionsniveau von Gumbrechts Artikel noch unterboten worden sein. Dass es Menschen gibt, die wirklich meinen, Harris und Trump seien gleich schlimm, ist schwer zu verstehen. Obwohl... Es gibt ja auch welche, die glauben, dass Immigranten die Haustiere ihrer autochthonen Nachbarn fangen und verspeisen. Oder die überzeugt davon sind, dass die Injektion von Bleichmitteln gegen COVID-19 schütze. Oder die den Einsatz von Atomwaffen zur Zerstörung von Wirbelstürmen klasse fänden. Oder die steif & fest behaupten, dass in US-Schulen, natürlich ohne Zustimmung der Erziehungsberechtigten, SchülerInnen geschlechtsangleichenden Operationen unterzogen werden. Oder die damit angeben, dass grabbing women by the pussy ihr Hobby sei . Oder die windmill noises für Walsterben und Krebserkrankungen verantwortlich machen. Oder die erzählen, George Washingtons Kontinentalarmee habe als Erstes alle Flughäfen besetzt. Oder die sich sicher sind, dass Waldbrände verhindert werden könnten, wenn man regelmäßig den Waldboden harkt und putzt. – Je nun, die Welt ist voller Dumpftröten. Da kann man nichts machen, gell. Lässt sich nicht verhindern. Und überhaupt: Es ist immer besser, wenn die Klügeren das Feld räumen. Im Grunde sind wir doch eh alle plemplem. Welcher Besserwisser will sich schon anmaßen zu entscheiden, wo die Grenze zwischen Gut und Schlecht verläuft. Es ist halt alles relativ. Nicht wahr? Am Ende doch total egal. Nachbemerkung II: Dass der TRUMPITALISMUS ™ in der NZZ und anderen Rechtsaußen-Medien Anklang findet, darf nicht überraschen. Trump ist der globale poster boy eines aus allen Zwängen entlassenen, mindestens parafaschistischen Ethno-Kapitalismus. Umso irritierender, dass auf der Linken – eigentlich ein Hort der Vernunft –, ebenfalls Stimmen laut werden, die es ablehnen, zwischen Trump und Harris zu unterscheiden. Fast so bescheuert wie Gumbrechts Artikel in der NZZ ist ein am 2.11. in der Jungen Welt veröffentlichter Beitrag . Wer tatsächlich meint, „dass es handfeste Gründe für das Abstimmungsverhalten [pro Trump] geben könnte“, dass „sich nichts Wesentliches ändern [wird], wer auch immer ins Amt komm[t]“, dem oder der ist nicht mehr zu helfen. So status quo-orientiert eine Harris-Präsidentschaft ausfiele: Sie wäre definitiv besser als das, was Trumps faschistische Kamarilla umsetzen würde . (Trump selbst ist bekanntlich außerstande, einen geraden Gedanken zu entwickeln und zielorientiert zu handeln.) Es ist doch nicht eine oberflächliche Wahl zwischen Neocons und Tech-Bros , die den US-Amerikanern und -Amerikanerinnen bevorsteht. Worauf sie sich im Falle einer erneuten Wahl Trumps einzustellen hätten, ist kein Geheimnis . Warum beteiligen sich (einige wenige) progressive Medien daran, Trump zu normalisieren ? (Sollte er die Wahl tatsächlich ein zweites Mal gewinnen, werde ich die Antwort nachreichen ...)
Wahnsinn und Methode in der MAGAsphäre
von Marcus Dick 24. Juli 2024
Donald John Trump (DT) – Proto-Protagonist und prime propagandist eines late capitalist fascism / fascist late capitalism – entkommt einigen Kugeln , die er umgekehrt nur allzu gern echten oder eingebildeten Widersachern gegönnt hätte. Trumpitalisten ergehen sich nach diesem Ereignis in Behauptungen , von denen nicht immer klar ist, ob sie nur für die Galerie oder tatsächlich in vollem Ernst gemeint sind. Das Kriterium, Teil einer illusionären Gesamtkonstellation zu sein, erfüllen sie allemal. Spätestens seit DTs Wahlsieg 2016 gleicht eine Hälfte der US-amerikanischen Gesellschaft, Trumpworld , einem Möbiusband, dessen psychologische Vorderseite (Ressentiment, Bigotterie) eine sozio-politische Rückseite (Fragmentierung, Identitarismus) unendlich fortsetzt (und umgekehrt). Der reale gesellschaftliche Kontext verschwindet in dieser Schleife, die ein in sich geschlossenes System aufrechterhält, das, ohne Zugang zu den Bedingungen seiner Möglichkeit, sich selbst zugleich reproduziert und ad absurdum führt. Kein Wunder, dass hier Paranoia Platz greift. (Aus der Psychoanalyse weiß man, wie schwierig es ist, Illusionen, Fiktionen, Phantasmagorien zu decouvrieren, die einem Individuum heilig sind. Um wie viel schwieriger ist es noch, dies für Kollektive zu tun.) Hinter vorgehaltener Hand verhöhnt DT seine evangelikalen Gönner (von denen die meisten ohnehin nur des almighty Dollar wegen in the religious trade sind), während er andrerseits – ein Zeichen malignen Größenwahns – wirklich davon überzeugt ist , eine vorherbestimmte märtyrerhafte Mission zu erfüllen. Die Tatsache, um ein Haar einem Anschlag entkommen sein, wird, zusammen mit dem kurz zuvor vom Supreme Court gegebenen Immunitätsversprechen , das Gefühl des Auserwähltseins noch einmal verstärkt haben. DTs öffentliche Ehrerbietung gegenüber der Religion ist für die Galerie, aber todernst meint er es damit, dass ausschließlich er, als politischer Messias, die USA retten könne . So sehr die Rechten und Ultrarechten mit ihrem owning the libs für die eigene Galerie spielen, so ernst nehmen sie es mit ihrem Vorhaben, liberal America zu liquidieren. Was von außen betrachtet eine regressiv-phantasmagorische Konstellation ist – Faschismus on the brink of success –, erscheint der MAGA -Bewegung als Kampf um Freiheit & Gerechtigkeit. (DT: „I’m not an extremist at all. [...] Last week I took a bullet for democracy. “) Weil der Trump- bzw. MAGA-Kult auf nicht- bzw. postfaktischen Voraussetzungen beruht, mithin nur funktionieren kann, indem er seine Anhänger affektiv einbindet, wird die Fähigkeit, für die Galerie rituals of populism zu vollziehen und acts of incensement zu inszenieren, zu einer Kernkompetenz. Der Preis, der dafür zu zahlen ist, ist, abgesehen vom Bruch mit der Wirklichkeit, eine umfassende Selbst- und Fremdverdummung, in deren Folge alle Begriffe und Maßstäbe ihre Bedeutung verlieren und in ihr Gegenteil übergehen. Innerhalb der MAGA-Schleife gilt DT als rechtschaffener Mann, als unermüdlicher Advokat der plain folks of the land . Wenn es nicht so absurd wäre, so wäre es fast zum Lachen. Ist erst einmal der Preis der Selbst- und Fremdverdummung entrichtet, wird die diametrale Verdrehung von Worten und Fakten zur zweiten Natur. Dass mitunter kaum zu entscheiden ist, ob solche Inversionen der Wahrheit Ausdruck von Berechnung oder Dummheit sind, mag daran liegen, dass eine Dummheit auch aus Berechnung begangen werden und Berechnung auch das Ergebnis von Dummheit sein kann. (Oder um auf die zwei Begriffe der Überschrift zu verweisen: Wahnsinn kann auch Methode haben, eine Methode auch wahnsinning sein.) Was also ist mit jenen Behauptungen, dass die Demokraten und Biden persönlich für den Vorfall verantwortlich seien , weil das Bedürfnis, DT als autoritären Faschisten darzustellen, linke Gewalt heraufbeschwöre? (Als wären es nicht umgekehrt und ausschließlich DT und der MAGA-Kult, deren politische raison d’être es ist, Hass zu schüren und zu Gewalt aufzurufen .) Gehören solche Behauptungen zur MAGA-Kernkompetenz politics as performance art oder sind sie wirklich ernsthaft gemeint? Berechnung oder Dummheit? Berechnete Dummheit oder dumme Berechnung? Vermutlich trifft alles zusammen zu. (In Mein Kampf betont Hitler, man müsse den Massen, um zu sie beherrschen und zu manipulieren, simple Feindbilder einhämmern (= Berechnung). Was andrerseits jedoch nicht ausschließt, dass er seinen eigenen Lügen aufsaß (= Dummheit).) Der Zweck des Ganzen ist jedenfalls, DT gegen jede Art von Kritik abzuschotten. Bekanntlich hat in Kulten der Führer immer Recht. Was der MAGA-Kult will , ist, Führer Trump von allen Fehlern freizusprechen, ihn heiligzusprechen. Als wäre das nicht schon beunruhigend genug, beginnt diese Strategie über die Trumpwelt hinaus zu wirken. Joseph Biden und die Demokratische Partei (bzw. deren Führung) haben nach dem Attentat entschieden, auf aggressives Anti-Trump-Campaigning zu verzichten . Biden – Dauerziel Trumpscher Beleidigungen – entschuldigte sich für frühere Äußerungen . Der Zwischenfall in Butler/Pennsylvania war das Beste, was DT passieren konnte. Er wird dessen Märtyrer-Image festigen , vor allem aber als Vorwand dienen, um Angriffen der Demokraten mit dem scheinheiligen Hinweis den Wind aus den Segeln zu nehmen, dass dies nur weitere Gewalttaten provoziere. Und das vor dem Hintergrund, dass es nach wie vor und jetzt erst recht DT und die Seinen sind, die desinformieren, hetzen, auf Brutalität schwören – doch die nun nicht mehr als die Gefahr bezeichnet werden können, die sie für die andere Hälfte der Amerikaner darstellen (und, nebenbei, für die Zukunft des Planeten ), ohne sich damit den Vorwurf einzuhandeln, eine Gewaltspirale in Gang zu setzen. Gewaltverherrlichung, Desinformation und Hetze gegen sog. Volksfeinde stehen nunmehr auf der gleichen Stufe wie Bestrebungen, Gewalt, Desinformation und Hetze zu verhindern. Dass Biden, die Demokratische Partei und kein kleiner Teil der nicht MAGAfizierten Bevölkerung sich aufs MAGA-Framing einlassen, ist verblüffend . Es erlaubt dem Möchtegern-Diktator DT und seiner Anhängerschaft, das Narrativ zu kapern und weiter daran zu arbeiten, das Coup-Experiment von 2021 zu vollenden. Es erlaubt James David Vance , DTs Vize-Kandidat, einerseits die Schuld für das Attentat Biden in die Schuhe zu schieben und andrerseits das Horten von Waffen als charakteristisches Merkmal des American spirit zu loben . ( Die vielen schwerbewaffneten rechten Milizen könnten ja noch für etwas gut sein .) Es erlaubt DT wie eh und je, und natürlich auch in seiner Dankesrede auf der Republican National Convention , die Demokraten dessen zu beschuldigen, was er selbst getan hat und weiterhin tut („criminalize dissent or demonize political disagreement“; „weaponizing the justice system and labeling their political opponent as an enemy of democracy“). Das ist mehr als nur eine private Projektion. Es ist der vorläufige Endpunkt einer jahrzehntelangen Verblödungsstrategie, geführt mit allen Mitteln, die dem US-amerikanischen media-political complex zwischen Titty - und Infotainment , Televangelism und propagandistischem Agenda Setting zur Verfügung stehen. Das Desaster, das sich in den USA anbahnt, ist das Ergebnis eines unaufhaltsamen dumbing down . Selbst liberale Mainstream-Medien applaudierten DT für seine als kinoreif wahrgenommene heroic and iconic pose : die in die Luft gereckte Faust, der Ruf Fight! Fight! Fight! Womit sie nicht nur schale Hollywood-Clichés wiederkäuten, sondern einem Mann zumindest teilweise die Absolution erteilten, dessen einziges Ziel es war und ist, wie ein König zu herrschen. Wie ein König ist nicht hyperbolisch gemeint. Der Supreme Court räumte DT de facto absolutistische Befugnisse ein , und nach dem sog. Wunder von Butler sprechen ihm MAGAfizierte Medien königliche Eigenschaften zu . Die Mainstream-Medien tun im Zeichen falscher Ausgewogenheit nichts, um diese Idolatrie zu konterkarieren. Man darf mit Gore Vidal fragen : Wann begann in den Vereinigten Staaten der große Kretinismus? Wann wurden die Amerikaner wirklich dumm? Eine Wasserscheide war sicher die Aufhebung der fairness doctrine : jener zwischen 1949 und 1987 bestehenden Vorschrift der Bundeskommunikationskommission, derzufolge Inhaber von Rundfunklizenzen kontroverse Themen von öffentlichem Interesse in einer Weise darzustellen hatten, die ehrlich, gerecht, ausgewogen sein sollte. Die Beseitigung dieses politischen Grundsatzes unter dem Kretin Ronald Reagan ermöglichte die flächendeckende Entstehung/Verbreitung von talk radio -Stationen und, 1996, die Gründung des rechten Propagandasenders Fox News . Ohne Fox News läge der durchschnittliche IQ der US-Bevölkerung um einige Punkte höher, und ohne Fox New hätte es ein kretinistischer, megalomanischer Serien-Pleitier aus Gotham nie geschafft, Präsident zu werden und eine Hälfte der US-Bürger in Trumpheads zu verwandeln. Nachbemerkung I: Quasi zeitgleich zur Fertigstellung dieses Blog-Eintrags erklärte Joseph Biden seinen Rückzug von der Kandidatur. Das ändert nichts an der obigen Analyse, vielleicht aber etwas an der allgemeinen Prognose insofern, als es die Chance eröffnet, wieder mit mehr Vehemenz gegen den Trumpitalismus aufzutreten, als Biden zu investieren bereit oder fähig war. Nachbemerkung II: Als Strategie, dem Trumpitalismus zu Leibe zu rücken, hat sich inzwischen herauskristallisiert, seine Galionsfiguren als weird bzw. weirdos vorzuführen . Tatsächlich scheint das einerseits zu wirken. Andrerseits ist es symptomatisch für ein politisches Ökosystem, worin vernünftige Argumente, stichhaltige Beweisführungen, begriffliche Strenge, intellektuelle Reife nurmehr eine kleine bis keine Rolle spielen. MAGA-Faschisten als weirdos verspotten ist sicher lustig (inhaltlich zutreffend allemal), doch zu wenig, um dem, was auf dem Spiel steht, gerecht werden zu können.
ChatGPT et al. als Verdrängungsmaschinen
von Marcus Dick 21. Juni 2023
Der sog. Triumph der sog. KI als Triumph spät(est)kapitalistischer Narreteien.
Listenwahn(sinn)
von Marcus Dick 15. Januar 2023
Tiere haben’s leicht(er). Sie finden, evolutionär determiniert, ihren Platz in ihrer (Um)Welt instinktiv. Dem Menschen hingegen – evolutionär gemodelt, aber nicht determiniert – fehlt das instinktive Wissen, was wann wie zu tun sei. Er kompensiert diesen Mangel durch das, was man als Kultur bezeichnet. Ohne sie könnte er nicht überleben. (Weshalb er lieber und nicht selten mit aller Gewalt an den Objekten seiner kulturellen Identität festhält, als Orientierungs- und Hilflosigkeit zu riskieren.) Menschen formen und regulieren ihr Verhalten in der Welt zur Welt – sie verhalten sich in ihr zu ihr –, indem sie, um einen Begriff von G. Deleuze und F. Guattari aufzunehmen, Ritornelle generieren: das Material der Welt strukturierenden = Chaos in Ordnung verwandelnden semiotischen Markierungen und Transformationen folgen, die, in einer labil erscheinenden (Um)Welt Stabilität und Sicherheit stiftend, gegen weitere chaotische Gefährdungen schützen. Beispiel: „Un enfant dans le noir, saisi par la peur, se rassure en chantonnant. Il marche, s’arrête au gré de sa chanson. Perdu, il s’abrite comme il peut, ou s’oriente tant bien que mal avec sa petite chanson. Celle-ci est comme l’esquisse d’un centre stable et calme, stabilisant et calmant, au sein du chaos.“ ( Mille plateaux , Paris 1980, S. 382) [„Ein Kind in der Nacht, gepackt von der Angst, beruhigt sich, indem es vor sich hin singt. Es geht weiter, es hält an im Einklang mit seinem Lied. Hat es sich verlaufen, schützt es sich, so gut es kann, durch sein kleines Lied, oder es orientiert sich an ihm, so gut es geht. Sein kleines Lied ist so etwas wie der Entwurf eines stabilen und ruhigen, eines stabilisierenden und beruhigenden Zentrums mitten im Chaos.“] Allgemeiner: Ein Ritornell „agit sur ce qui l’entoure […] pour en tirer des vibrations variées, des décompositions, projections et transformations. [Die Funktion eines Ritornells ist] non seulement augmenter la vitesse des échanges et réactions dans ce qui l’entoure, mais assurer des interactions indirectes entre éléments dénués d’affinité dite naturelle.“ (Ebd., S. 430) [Ein Ritornell „wirkt ein auf das, was es umgibt […], um daraus verschiedene Schwingungen, Gliederungen, Übertragungen und Veränderungen zu gewinnen.“ Die Funktion eines Ritornells besteht nicht nur darin, „in dem, wovon es umgeben ist, die Austausch- und Reaktionsgeschwindigkeiten zu verstärken, sondern auch darin, indirekte Wechselwirkungen zwischen Elementen zu gewährleisten, die einer natürlichen Affinität entbehren.“] Ritornelle bannen die Kräfte des Chaos insoweit, als sie durch „une activité de sélection, d’élimination, d’extraction“ – durch eine Tätigkeit der Auswahl, der Verdrängung, der Ausklammerung – einen als sicher empfundenen „espace intérieur“, einen inneren Raum, zeitigen (ebd.). Ritornelle gibt es überall. In jeder Abgrenzung eines Innen von einem Außen, in jedem Sprung „du chaos à un début d’ordre dans le chaos“ (ebd., S. 382) – in jedem Sprung aus dem Chaos zu einem Beginn von Ordnung im Chaos –, erkennen wir ihren dreifachen Effekt: Markierung, Zentrierung/Strukturierung, Codierung. Ein besonders häufig auftretendes Ritornell des Alltags – bei Deleuze und Guattari findet sich dieses Beispiel nicht – ist das Erstellen von Listen. Listen ordnen/strukturieren Welt durch Ex- und Inklusion. Sie geben denen, die sie anfertigen, das Bewusstsein, ein Mittelpunkt zu sein (die Befriedigung, einen Mittelpunkt zu setzen). Sie etablieren eine Hierarchie semiotischer Codes. Im besten Fall verhelfen Listen zur Orientierung, dienen sie als Mittel, Welt zu de-chaotisieren. Im schlechtesten Fall sind sie Zeugnisse einer Pathologie: eines gestörten Verhältnisses zur Wirklichkeit bzw. einer forcierten Anpassung an eine gestörte Wirklichkeit. Im Grunde handelt es sich bei den Ritornellen um Modi des In-der-Welt-Seins. Ritornelle sind mit ihrer Umgebung verbunden, sie gewinnen aus ihr ihre Struktur. Sie erlauben, sich der Welt zu adaptieren und deren Möglichkeiten zu explorieren. Aber was, wenn die Welt, an die man sich anzupassen, deren Möglichkeiten man zu explorieren sucht, verrückt geworden ist? Dann werden auch die Modi des In-der-Welt-Seins Anzeichen der Verrücktheit aufweisen. Wenn die Welt, in der man steht, es einem schwer macht, vernünftig auf sie zu reagieren, gerät man nolens volens ins Gravitationsfeld des Pathologischen. Die zwanghafte, exzessive Fixierung auf Listen – die fixe Idee, sich in der Welt zu ihr primär durch das Ritornell Liste verhalten zu können – ist das Symptom einer pathologischen Störung. Die zwanghafte, exzessive Fixierung auf Listen ist ein semio-systemisches Hauptmerkmal der Gegenwart. Also steht die Gegenwart im Zeichen pathologischer Verhältnisse. Eine Gesellschaft, der es als ausgemacht gilt, dass das, worüber sie nachzudenken hätte, sich mittels Listen und rankings fokussieren lasse, ist verrückt geworden. Die Liste, das ranking , scheint heute als die letzte verbliebene Möglichkeit zu gelten, die Vielfalt der Wirklichkeit in eine synthetische Einheit zu bringen. Das Erstellen von Ranglisten hat das Denken in Begriffen so gut wie vollständig ersetzt. Das Listenmachen ist zur vorherrschenden Form des Weltzugriffs, die Liste, das ranking , zum Ritornell aller Ritornelle geworden. Kein Phänomen bleibt von der Manie verschont, sich dadurch in ein Verhältnis zu ihm setzen, dass man es listet, rankt . Einer Sache auf den Grund gehen bedeutet nurmehr, sie in eine Rangliste aufzunehmen, einzureihen. Die Rangliste, kann man sagen, ist das System der dummen Kerle. Was sie, ohne sich darüber im Klaren zu sein, tun, ist, Dinge, Eigenschaften, Tätigkeiten, Verhaltensweisen daraufhin zu evaluieren, ob und inwieweit sie den Maßstäben einer pathologischen Welt standhalten. Diese Welt, in der man sich Stabilität und Sicherheit dadurch verschafft, dass man Ranglisten erstellt – in der allein das Ritornell Liste Stabilität und Sicherheit stiftet –, ist die dümmste aller möglichen Welten. Sich in der Welt zu ihr so zu verhalten, dass man sie darauf reduziert, Material für Ranglisten zu liefern, entspricht ganz dem im Neoliberalismus geltenden Verhältnis von Teil und Ganzem. Die Pathologie des Ritornells Liste folgt einer Logik, nach der es möglich sei, Teile zu bestimmen, ohne um das Ganze zu wissen, und ein Ganzes überhaupt nur dann eine Rolle spiele, wenn es dem Einzelnen einen Vorwand gibt, etwas für sich herauszuholen.
Die Zukunft der Musik
von Marcus Dick 12. Dezember 2022
Nicht erst seit COVID haben es freischaffende Musiker aller Genres und Couleurs mit Bedingungen zu tun, die kaum mehr sichere Existenzen ermöglichen. Das hat Gründe, die hier nicht weiter interessieren sollen. Nur so viel: Im capitalist realism verlieren die Leute, ob sie wollen oder nicht, jeden Sinn für Nuancen und Details. Musik zu lieben heißt aber, Nuancen und Details zu lieben. Je abgestumpfter der allgemeine Sinn für Nuancen und Details, desto geringer die Wahrscheinlichkeit, dass Musik aufs Neue die Bedeutung erlangt, die sie noch, im Großen & Ganzen, bis zum Beginn der Download- und Streaming-Ära gehabt hatte. Wohin führt das? In Verhältnisse, in denen Musik, ökonomisch und kulturell, immer weniger zählt. (Spotify lässt pro Klick 0,3 Cent springen; auch Tourneen sind nicht länger einträglich .) Wenn, wovon auszugehen ist, diese Entwicklung anhält, werden Musiker sich in einer Lage wiederfinden, die dem entspricht, was bis weit in die Neuzeit hinein galt: Sie werden erneut einen einheitlichen gesellschaftlichen Stand bilden, dessen Hauptkennzeichen Armut ist, vielleicht erneut buchstäblich auf der Straße arbeiten, um dort ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Musiker als verdächtige, weil am gesellschaftlichen Rand existierende Gestalten. Eine umso absurdere Situation, als das heutige Niveau musikalischer Fähigkeiten Lichtjahre von dem früherer Musiker-Generationen entfernt ist. (Ohnehin passé: Zeiten, in denen es sich ökonomisch und sozial auszahlte, etwas zu können.)
Buhrows Breitseite
von Marcus Dick 21. November 2022
Warum neoliberale Schwätzer wie Thomas Buhrow nicht das letzte Wort haben sollten.
E-Musik-Kritik anno 2022
von Marcus Dick 4. September 2022
Warum es keine vernünftigen Konzertkritiken mehr gibt.
Little Feat
von Marcus Dick 22. November 2021
Little Feat – damals und heute
COVID und Kapitalismus
von Marcus Dick 17. November 2021
Warum erleben Menschen eine globale Pandemie als Bedrohung ihrer „Freiheit“?
Kulturradio-GAU
von Marcus Dick 10. Oktober 2021
Ist das Kulturradio am Ende? Bis auf Weiteres leider ja.
Ein Abend in der Oper
von Marcus Dick 29. September 2021
Steht die sog. Hochkultur am Ende ihrer (beträchtlichen) Möglichkeiten?